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Gebaut für eine andere Stadt — wie Denkmäler ihren Platz wechselten

Die Siegessäule wanderte 1938/39 für Speers Achse und wurde erhöht, der Neptunbrunnen rückte 1969 in die Achse des Fernsehturms, die Kuppeltürme am …

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Figuren auf dieser SeiteGoldelseNeptunBerliNike

Goldelse
Goldelse · Großer Stern, Tiergarten

Denkmäler wirken, als stünden sie seit jeher dort, wo man sie findet. In Berlin stimmt das selten. Die Siegessäule steht an einem Platz, der für sie um das Zweieinhalbfache vergrößert wurde. Der Neptunbrunnen steht in der Achse eines Fernsehturms, der achtzig Jahre nach ihm gebaut wurde. Und die Kuppeltürme am Gendarmenmarkt, auf denen die „Nike“ steht, hat ein König errichten lassen, damit sein Platz aussieht wie einer in Rom. Diese Seite erzählt, wie Stadtplanung Denkmäler versetzt, erhöht und in neue Zusammenhänge stellt — und was dabei von der ursprünglichen Absicht übrig bleibt.

Die Siegessäule: versetzt, erhöht, umgedeutet

Die Siegessäule wurde 1865 bis 1873 nach einem Entwurf von Heinrich Strack errichtet und stand bis 1938 auf dem Königsplatz, dem heutigen Platz der Republik vor dem Reichstag. Gedacht war sie als Siegeszeichen für den dänischen Feldzug von 1864; durch die Kriege gegen Österreich und Frankreich wurde sie zum Denkmal für drei Kriege, eingeweiht am 2. September 1873.12 Die vergoldete Viktoria Friedrich Drakes, 8,32 Meter hoch, krönt sie seitdem — mit Siegeskranz, Feldzeichen und preußischem Adlerhelm, also zugleich als Borussia.12

1938 begann die Versetzung. Der Königsplatz sollte nach Plänen des Generalbauinspektors Albert Speer in eine riesige Aufmarschfläche umgewandelt werden; die Säule wanderte zum Großen Stern und wurde dort zum weithin sichtbaren Wahrzeichen der ausgebauten Ost-West-Achse.1 Um die städtebauliche Wirkung zu verbessern, ließ Speer den Sockel verbreitern und den Schaft um eine vierte Säulentrommel erhöhen — aus 60,5 Metern wurden knapp 67.12 Der Große Stern selbst wuchs von 80 auf 200 Meter Durchmesser und erhielt vier Torhäuser und Fußgängertunnel; mit der Säule zogen die Denkmäler von Bismarck, Moltke und Roon vom Königsplatz hierher.13

  1. 1864Entwurf nach dem Sieg im dänischen Feldzug.
  2. 1873Einweihung am 2. September auf dem Königsplatz; die Säule misst 60,5 Meter.
  3. 1938Am 27. Juli beginnt der Abbau auf dem Königsplatz.
  4. 1939Wiederaufbau am Großen Stern mit vierter Trommel und verbreitertem Sockel; der Platz wird von 80 auf 200 Meter Durchmesser erweitert.
  5. 1945Die Sockelreliefs werden entfernt und nach Frankreich gebracht.
  6. 1946Frankreich beantragt am 26. November den Abriss der Säule — ohne Erfolg.
  7. 1987Die Reliefs kehren zurück und werden wieder angebracht.
  8. 2010 – 2011Sanierung und Neuvergoldung der Viktoria.

Das Ergebnis ist eine Figur, die höher steht, als ihre Erbauer sie gedacht hatten, an einem Ort, den ihre Erbauer nicht kannten, in einer Achse, die einer Diktatur dienen sollte. Die Säule hat den Krieg weitgehend überstanden; Frankreich beantragte 1946 ihren Abriss, ohne Erfolg. Die Reliefs an ihrem Sockel, die die Einigungskriege erzählen, wurden nach 1945 entfernt und kamen erst 1987 zurück.12 Wer heute die 285 Stufen zur Plattform steigt, steht auf einem Bauwerk, dem man die Umdeutungen nur mit Wissen ansieht — die vierte Trommel fällt niemandem auf, der nicht weiß, dass sie da ist.2

GoldelseDie vergoldete Siegessäulen-Figur im Tiergarten, benannt nach einem Roman.Großer Stern, Tiergarten · 1864 – 1873 · versetzt 1938/39Mit der Figur sprechen →

Der Neptunbrunnen: in die Achse eines Turms gestellt

Als Reinhold Begas seinen Brunnen 1878 bis 1885 entwarf, dachte er an keinen bestimmten Ort — es war eine freie Schöpfung ohne Auftrag.4 Die Stadt Berlin übernahm dann Finanzierung und Ausführung und schenkte den Brunnen 1888 Kaiser Wilhelm II.; 1891 wurde er auf dem südlichen Schlossplatz eingeweiht, in der Achse der Breiten Straße, vor dem Stadtschloss.4 Dort war er ein Teil des Schlossensembles.

Nach dem Schlossabriss 1951 war dieses Ensemble verschwunden — und mit ihm der Grund für den Standort. Als der Brunnen 1969 wieder aufgestellt wurde, wählte man einen neuen Ort und eine neue Logik: den Achsenschnitt von Fernsehturm und Rotem Rathaus in der Grünfläche an der Spandauer Straße, anlässlich der Fertigstellung des Fernsehturms.4 Ein Brunnen des Kaiserreichs wurde zum Bauteil der sozialistischen Neugestaltung der Berliner Mitte. Er steht dort bis heute — und wird 2026 saniert.5

Neptun
Der Neptunbrunnen in der Achse des Fernsehturms — seit 1969, achtzig Jahre nach seiner Einweihung vor dem Stadtschloss.

NeptunDer Neptunbrunnen zwischen Rotem Rathaus, Marienkirche und Fernsehturm.Spandauer Straße, Berlin-Mitte · 1888 – 1891 · seit 1969 hierMit der Figur sprechen →

Die Kuppeltürme: Rom am Gendarmenmarkt

Die dritte Geschichte handelt nicht von Versetzung, sondern von Absicht. 1773 beschloss Friedrich II., den Gendarmenmarkt repräsentativ zu gestalten; 1780 bis 1785 ließ er nach Plänen von Carl von Gontard die beiden Kuppeltürme errichten — als Attraktion für die Platzgestaltung.6 Die Türme wurden ohne eigentliche Funktion gebaut und haben zu den Kirchen, nach denen sie heißen, keine formale oder proportionale Beziehung; ihr Vorbild sind die baugleichen Kuppelkirchen der Piazza del Popolo in Rom.6 Nach dem Einsturz des Turms der Deutschen Kirche 1781 übernahm Georg Christian Unger die Ausführung.6

Auf den Kuppeln stehen zwei allegorische Figuren, die Tugend und die Religion; die vergoldete Gestalt auf dem Französischen Dom, die Berlin „Nike“ nennt, ist die triumphierende Religion, 5,60 Meter hoch, nach Entwürfen von Daniel Chodowiecki.67 Sie steht also auf einem Turm, der nicht für eine Gemeinde gebaut wurde, sondern für ein Bild: einen König, der seinen Platz wie einen römischen aussehen lassen wollte. 1944 brannte die Kuppel aus; 1981 bis 1987 wurde sie wiederaufgebaut und zur 750-Jahr-Feier eröffnet.7

BerliNike (Nike)Die goldene Nike-Kuppelfigur auf dem Französischen Dom am Gendarmenmarkt.Französischer Dom, Gendarmenmarkt · Kuppelfigur seit 1818Mit der Figur sprechen →

Was Stadtplanung mit Denkmälern macht

Drei Figuren, drei Mechanismen. Die Siegessäule zeigt, wie ein Regime ein bestehendes Denkmal für eigene Zwecke vergrößert und verschiebt. Der Neptunbrunnen zeigt, wie eine Stadt nach dem Verlust eines Ensembles ein Denkmal in ein neues einbaut. Die Kuppeltürme zeigen, dass schon die Entstehung eines Wahrzeichens einem Plan folgen kann, der mit seinem späteren Namen nichts zu tun hat. Wer die drei besucht, sieht dieselbe Lehre an drei Orten: Ein Denkmal ist nie nur die Figur. Es ist auch der Platz, die Achse und die Absicht derer, die es dorthin gestellt haben.

Häufige Fragen

Warum wurde die Siegessäule 1938/39 versetzt?

Der Königsplatz sollte nach Plänen von Albert Speer eine riesige Aufmarschfläche werden. Die Säule kam zum Großen Stern als Wahrzeichen der Ost-West-Achse; Speer ließ den Sockel verbreitern und den Schaft um eine vierte Trommel erhöhen.13

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Wie hoch ist die Siegessäule heute?

Knapp 67 Meter. Bei der Einweihung 1873 maß sie 60,5 Meter; die vierte Trommel von 1939 brachte den Zuwachs. Die Plattform liegt bei 50,66 Metern, 285 Stufen führen hinauf.12

Warum steht der Neptunbrunnen in der Achse des Fernsehturms?

Weil sein ursprünglicher Ort mit dem Schloss verschwand. Für den Wiederaufbau 1969 wählte man den Achsenschnitt von Fernsehturm und Rotem Rathaus, anlässlich der Fertigstellung des Turms.4

Frag Neptun selbst →
Wozu wurden die Kuppeltürme am Gendarmenmarkt gebaut?

Als Schmucktürme ohne eigentliche Funktion, 1780 bis 1785 nach Plänen von Carl von Gontard, damit der Platz Friedrichs II. aussah wie die Piazza del Popolo in Rom. Zu den Kirchen, nach denen sie heißen, haben sie keine bauliche Beziehung.6

Wann wurde die Kuppel des Französischen Doms wiederaufgebaut?

Sie brannte 1944 aus und wurde 1981 bis 1987 wiederaufgebaut; die Eröffnung fiel auf den 9. August 1987, in die 750-Jahr-Feier Berlins.7

Frag Nike selbst →

Quellen und Belege

  1. Landesdenkmalamt Berlin — Denkmaldatenbank, Großer Stern mit Siegessäule (Obj.-Nr. 09050419)
  2. Bezirksamt Mitte, Gedenktafel-Datenbank — Die Berliner Siegessäule (PDF)
  3. Bezirksamt Mitte, Gedenktafel-Datenbank — Die Umsetzung der Siegessäule 1938/39 (PDF)
  4. Landesdenkmalamt Berlin — Denkmaldatenbank, Neptunbrunnen (Obj.-Nr. 09011281)
  5. Bezirksamt Mitte — Pressemitteilung Nr. 116/2026: Sanierung des Neptunbrunnens
  6. Landesdenkmalamt Berlin — Denkmaldatenbank, Französischer Dom (Obj.-Nr. 09065017)
  7. Bezirksamt Mitte, Gedenktafel-Datenbank — Französischer Turm, Zeittafel und technische Daten (PDF)

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