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Brandenburger Tor und Tiergarten — Victoria und Goldelse

Die Quadriga von Johann Gottfried Schadow auf dem Brandenburger Tor und Friedrich Drakes vergoldete Viktoria auf der Siegessäule — zwei Siegesgöttinnen, …

9 Min. Lesezeit · 2 Figuren im Text

Figuren auf dieser SeiteVictoriaGoldelse

Victoria
Victoria · Pariser Platz, Brandenburger Tor

Zwischen Pariser Platz und Großem Stern liegen rund zwei Kilometer Straße des 17. Juni — und an beiden Enden steht eine Siegesgöttin. Auf dem Brandenburger Tor lenkt Victoria ihre Quadriga nach Osten in die Stadt; am anderen Ende des Tiergartens steht Goldelse, die vergoldete Viktoria Friedrich Drakes, hoch über dem Großen Stern. Dieselbe römische Göttin, zwei Berliner Figuren — und zwei sehr verschiedene Geschichten davon, was ein Denkmal in dieser Stadt aushalten musste.

Das Tor und seine Göttin

Friedrich Wilhelm II. ließ das erste schlichte Pfeilertor 1789 bis 1791 durch einen repräsentativen Neubau von Carl Gotthard Langhans ersetzen; Vorbild waren die Propyläen, der monumentale Eingang der Akropolis von Athen. Das noch unvollendete Tor wurde am 6. August 1791 als Friedenstor eröffnet — es ist eines der frühesten Bauwerke des Berliner Klassizismus und die einzige erhaltene Toranlage der Stadt.1

Die Quadriga mit der Siegesgöttin stammt von Johann Gottfried Schadow; ausgeführt hat sie Emanuel Jury 1790 bis 1793 in Kupfer.1 Getrieben, nicht gegossen: Ein Bronzeguss wäre für das Tor zu schwer gewesen, deshalb entstand die Gruppe aus Kupferblech über einem Holzmodell.2 Dass die Figur Victoria ist, steht schon in den Akten ihrer Entstehung — ein Protokoll von 1789 nennt „die Victoria“, und der Kupferschmied erhielt ab 1791 Zahlungen „für die kupferne Figur Victoria“.3 Am 11. Juli 1793 entschied der König gegen eine Vergoldung; im selben Sommer stand die Quadriga auf dem Tor.3

  1. 1789Am 13. März beschließt eine Konferenz Schadows Modell im Maßstab 1:8.
  2. 1793Die Quadriga wird auf dem Tor verankert; der König verzichtet auf eine Vergoldung.
  3. 1806Nach Napoleons Einzug am 27. Oktober wird die Quadriga im Dezember abgenommen und in zwölf Kisten nach Paris gebracht.
  4. 1814Rückkehr nach den Befreiungskriegen; am 7. August steht sie wieder oben, ergänzt um Schinkels Eichenkranz mit Eisernem Kreuz und preußischem Adler.
  5. 1942Schutzabformung in Gips von Pferden und Göttin.
  6. 1945Im Kampf um Berlin wird die Quadriga weitgehend zerstört; ein einziger Pferdekopf bleibt erhalten.
  7. 1957 – 1958Nachschöpfung nach dem Gipsabguss durch Otto Schnitzer, Guss bei Hermann Noack in Friedenau; fertig am 14. Dezember 1957, Aufstellung 1958.
  8. 1958In der Nacht zum 3. August werden Adler und Eisernes Kreuz entfernt.
  9. 1991 – 1992Restaurierung; Eisernes Kreuz und Adler kehren zurück.

Beute, Rückkehr, Zerstörung, Neuguss

1806 wurde das Tor erstmals Schauplatz der Geschichte: als Triumphtor für den Einzug Napoleons.1 Im Dezember desselben Jahres ließ er die Quadriga abnehmen und nach Paris bringen — in zwölf Kisten, die am 21. Dezember abreisten und im Mai 1807 ankamen.3 Neun Jahre blieb sie dort. Nach den Befreiungskriegen kehrte sie 1814 zurück, wurde im Jagdschloss Grunewald restauriert und stand am 7. August wieder oben. Karl Friedrich Schinkel ergänzte sie bei der Neuaufstellung um ein Eisernes Kreuz und einen preußischen Adler im Eichenkranz.13

Der Zweite Weltkrieg ließ von der Quadriga fast nichts übrig: ein einziger Pferdekopf, heute im Märkischen Museum.32 Dass es sie wieder gibt, verdankt sie einer Gips-Schutzabformung von 1942. Der Ost-Berliner Magistrat beschloss die Rekonstruktion 1956, Otto Schnitzer übernahm sie, gegossen wurde bei der Gießerei Hermann Noack in Friedenau — in West-Berlin, im Auftrag Ost-Berlins. Am 14. Dezember 1957 war die Gruppe fertig, 1958 stand sie wieder auf dem Tor.3 In der Nacht zum 3. August 1958 wurden Adler und Eisernes Kreuz entfernt, als „Embleme des preußisch-deutschen Militarismus“. Bei der Restaurierung nach 1990 wurde das 1958 herausgesägte Panier wieder eingefügt.13

VictoriaDie Quadriga-Siegesgöttin auf dem Brandenburger Tor.Pariser Platz, Brandenburger Tor · 1793 · neu gegossen 1957Mit der Figur sprechen →

Die Siegessäule: gebaut für einen Krieg, gewidmet dreien

Am anderen Ende der Achse steht die Siegessäule. Sie wurde 1865 bis 1873 errichtet und stand bis zu ihrer Umsetzung 1938/39 auf dem Königsplatz, dem heutigen Platz der Republik vor dem Reichstag. Das Säulenmonument war ursprünglich als Siegeszeichen des dänischen Feldzugs 1864 gedacht und wurde durch die Kriege gegen Österreich 1866 und Frankreich 1870/71 zum Denkmal für drei Kriege.4 Der Entwurf stammt von Heinrich Strack, der sich antike römische Säulenmonumente zum Vorbild nahm; in den Kanneluren des Schafts sind vergoldete Beutekanonen aus Dänemark, Österreich und Frankreich angebracht.4 Eingeweiht wurde sie am 2. September 1873, dem Sedantag.5

Der Bildhauer Friedrich Drake schuf die vergoldete Viktoria, die über der achteckigen Aussichtsplattform das Monument bekrönt: eine geflügelte Siegesgöttin in einem vom Wind aufgeblähten Gewand, mit Siegeskranz und Feldzeichen; mit dem preußischen Adlerhelm ist sie zugleich als Borussia zu verstehen.4 Sie misst 8,32 Meter und wiegt rund 35 Tonnen.5 Ihren Spitznamen verdankt sie der Vergoldung und einem Fortsetzungsroman: E. Marlitts „Goldelse“ erschien 1866 in der „Gartenlaube“.56

Goldelse
Friedrich Drakes vergoldete Viktoria — 8,32 Meter hoch, seit 1939 rund 67 Meter über dem Großen Stern.
  1. 1864Heinrich Strack entwirft die Säule nach dem Sieg im dänischen Feldzug.
  2. 1873Einweihung am 2. September auf dem Königsplatz; 60,5 Meter hoch.
  3. 1876Das Glasmosaik nach Anton von Werner aus der Werkstatt Salviati in Venedig wird eingesetzt.
  4. 1938 – 1939Versetzung zum Großen Stern nach Plänen Albert Speers; der Schaft erhält eine vierte Trommel, der Sockel wird verbreitert, der Platz von 80 auf 200 Meter Durchmesser erweitert.
  5. 1945Die Säule übersteht den Krieg weitgehend; die Sockelreliefs werden entfernt und nach Frankreich gebracht.
  6. 1946Frankreich beantragt am 26. November den Abriss — ohne Erfolg.
  7. 1987Die Reliefs kehren zurück und werden wieder angebracht.
  8. 2010 – 2011Umfangreichste Sanierung; die Viktoria erhält eine Neuvergoldung mit rund 1,2 Kilogramm Blattgold.

1938/39: nicht zerstört, sondern vergrößert

Die Säule hat eine Geschichte, die sich von allen anderen in diesem Ratgeber unterscheidet. Kein Feind hat sie gestohlen, kein Krieg sie zerlegt. Versetzt wurde sie, weil der Königsplatz nach Plänen des Generalbauinspektors Albert Speer in eine riesige Aufmarschfläche umgewandelt werden sollte; Speer nutzte sie als weithin sichtbares Wahrzeichen seiner ausgebauten Ost-West-Achse. Um die städtebauliche Wirkung zu verbessern, ließ er den Sockel verbreitern und den Schaft um eine vierte Säulentrommel erhöhen.4 Aus 60,5 Metern wurden knapp 67; der Große Stern wuchs von 80 auf 200 Meter Durchmesser, und mit der Säule wanderten auch die Denkmäler von Bismarck, Moltke und Roon vom Königsplatz hierher.457

An den vier Seiten des Unterbaus erzählen Bronzereliefs von Alexander Calandrelli, Carl Keil, Moritz Schulz und Albert Wolff die Geschichte der Einigungskriege; sie wurden nach 1945 entfernt und 1987 wieder angebracht.4 Die Säulenhalle gestaltete Strack nach dem Vorbild der Großen Neugierde im Schlosspark Glienicke, einem Bau Schinkels; am inneren Schaft läuft ein Mosaik nach Zeichnungen Anton von Werners um, in Venedig gefertigt.4

GoldelseDie vergoldete Siegessäulen-Figur im Tiergarten, benannt nach einem Roman.Großer Stern, Tiergarten · 1864 – 1873 · versetzt 1938/39Mit der Figur sprechen →

Was man vor Ort sehen kann

Das Brandenburger Tor ist jederzeit zugänglich; die Quadriga sieht man am besten vom Pariser Platz aus, mit der Sonne im Rücken am Vormittag. An den Torhäusern lohnt ein Blick auf die Reliefs: Am nördlichen Torhaus schiebt der Kriegsgott Mars sein Schwert in die Scheide zurück, auf der Südseite verkörpert Minerva Handwerk und Gewerbefleiß.1

Anreise und Weiterweg

Das Brandenburger Tor erreicht man über den gleichnamigen S- und U-Bahnhof (S1, S2, S25, U5). Von dort führt die Straße des 17. Juni geradewegs durch den Tiergarten zum Großen Stern, gut zwei Kilometer zu Fuß durch den 210 Hektar großen Park, der 1833 bis 1840 von Peter Joseph Lenné umgestaltet wurde.8 Wer den Weg zurück zum Gendarmenmarkt sucht, nimmt vom Brandenburger Tor die U5 bis Unter den Linden.

Geschichte, die man hören kann

Victoria und Goldelse erzählen auf berlinike.art in ihrer eigenen Stimme — die eine von Paris, vom Pferdekopf und vom Neuguss, die andere davon, was es heißt, von der eigenen Seite größer gemacht worden zu sein. Eine Ergänzung zum Besuch vor Ort, kein Ersatz dafür.

Häufige Fragen

Wer hat die Quadriga auf dem Brandenburger Tor geschaffen?

Entworfen hat sie Johann Gottfried Schadow; ausgeführt hat sie 1790 bis 1793 der Kupferschmied Emanuel Jury — in Kupfer getrieben statt gegossen, weil Bronze für das Tor zu schwer gewesen wäre.12

Frag Victoria selbst →
Ist die heutige Quadriga noch das Original?

Nein. Das Original wurde 1945 im Kampf um Berlin weitgehend zerstört; nur ein Pferdekopf blieb und steht heute im Märkischen Museum. Die heutige Gruppe entstand 1957/58 nach einem Gipsabguss von 1942 bei der Gießerei Hermann Noack.3

Warum heißt die Figur auf der Siegessäule Goldelse?

Wegen ihrer Vergoldung und eines Fortsetzungsromans: E. Marlitts „Goldelse“ erschien 1866 in der „Gartenlaube“. Die Viktoria von Friedrich Drake ist 8,32 Meter hoch und wiegt rund 35 Tonnen.56

Frag Goldelse selbst →
Warum steht die Siegessäule am Großen Stern?

Bis 1938 stand sie auf dem Königsplatz vor dem Reichstag. Für Albert Speers Ost-West-Achse wurde sie 1938/39 versetzt, der Schaft um eine vierte Trommel auf knapp 67 Meter erhöht und der Platz von 80 auf 200 Meter Durchmesser erweitert.47

Wie viele Stufen hat die Siegessäule?

285 Stufen führen zur Aussichtsplattform in 50,66 Metern Höhe; der Zugang läuft durch die Fußgängertunnel unter dem Kreisverkehr.5

Quellen und Belege

  1. Landesdenkmalamt Berlin — Denkmaldatenbank, Brandenburger Tor (Obj.-Nr. 09065019)
  2. Bildhauerei in Berlin — Quadriga auf dem Brandenburger Tor
  3. Wikipedia — Brandenburger Tor
  4. Landesdenkmalamt Berlin — Denkmaldatenbank, Großer Stern mit Siegessäule (Obj.-Nr. 09050419)
  5. Bezirksamt Mitte, Gedenktafel-Datenbank — Die Berliner Siegessäule (PDF)
  6. Wikipedia — Berliner Siegessäule
  7. Bezirksamt Mitte, Gedenktafel-Datenbank — Die Umsetzung der Siegessäule 1938/39 (PDF)
  8. Wikipedia — Großer Tiergarten

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