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Der Gendarmenmarkt — Schiller und die goldene Nike

Das Schiller-Denkmal von Reinhold Begas mit seinen vier Allegorien und die vergoldete Kuppelfigur des Französischen Doms — belegte Geschichte, Zeitstrahl …

9 Min. Lesezeit · 2 Figuren im Text

Figuren auf dieser SeiteFriedrich SchillerBerliNike

Friedrich Schiller
Friedrich Schiller · Gendarmenmarkt, Berlin-Mitte

Der Gendarmenmarkt gilt vielen als der schönste Platz Berlins: Deutscher Dom und Französischer Dom stehen sich gegenüber, dazwischen das Konzerthaus von Karl Friedrich Schinkel. Wer genau hinschaut, findet hier zwei Figuren, die auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben, auf den zweiten Blick aber beide von Sieg, Anerkennung und Rückkehr erzählen: den Dichter Friedrich Schiller mitten auf dem Platz und die vergoldete Gestalt hoch oben auf der Kuppel des Französischen Doms, die Berlin seit Generationen „Nike“ nennt.

Wie der Platz entstand

Die beiden Kirchen waren die ersten Bauwerke auf dem Mittelmarkt der Friedrichstadt. Der Französische Dom ist älter als sein Turm: 1701 nach Plänen von Louis Gayard begonnen, nach dessen Tod von Abraham Quesnay vollendet und 1705 als Pfarrkirche für die in der Friedrichstadt angesiedelten Hugenotten eingeweiht.1 1773 beschloss Friedrich II., den Platz repräsentativ zu gestalten; erst nachdem das Regiment der Gens d’armes 1774 in die Dorotheenstadt verlegt worden war, konnten Ställe, Kasernen und Wache abgerissen werden.2 1774 entstand zwischen den Kirchen der erste Theaterbau des Platzes, 1775 begann die Umbauung mit zwanzig dreigeschossigen Häusern nach Entwürfen von Unger.2

Die beiden Kuppeltürme kamen 1780 bis 1785 hinzu — als Attraktion für die Platzgestaltung, ohne eigentliche Funktion und ohne formale Beziehung zu den Kirchen, nach denen sie heißen. Ihr Vorbild sind die baugleichen Kuppelkirchen der Piazza del Popolo in Rom. Nach dem Einsturz des Turms der Deutschen Kirche 1781 übernahm Georg Christian Unger die Ausführung.1 Das Schauspielhaus in der Mitte baute Schinkel 1818 bis 1821 auf den Grundmauern des 1817 abgebrannten Nationaltheaters, axial auf die beiden Kuppeltürme ausgerichtet; nach schweren Kriegszerstörungen wurde es 1976 bis 1984 als Konzerthaus wiederaufgebaut.3

Das Schiller-Denkmal von Reinhold Begas

Der Grundstein wurde am 10. November 1859 gelegt, zum 100. Geburtstag des Dichters. 1861 schrieb der Berliner Magistrat einen Wettbewerb aus; erst Anfang 1864 setzte sich Reinhold Begas gegen seinen Konkurrenten Rudolf Siemering durch. Die Denkmaldatenbank datiert die Ausführung auf 1864 bis 1869; die Signatur trägt das Jahr 1869, das Material ist weißer Carrara-Marmor, das Standbild misst 2,95 Meter.47 Enthüllt wurde das Denkmal erst am 10. November 1871 — der Deutsch-Französische Krieg hatte den geplanten Termin verschoben.6

Das Denkmal ist mehr als eine Figur auf einem Sockel. Auf dem Rand einer Schale sitzen vier weibliche Allegorien; in ihrer Mitte trägt ein würfelartiges Postament den Dichter, an den Seiten mit Löwenköpfen, Reliefs und Inschriften geschmückt. Die vier Allegorien: vorne links die Lyrik, die Harfe spielend; vorne rechts die Tragödie, ursprünglich mit Dolch und einer Maske zu ihren Füßen; hinten die Geschichte, die Lessing, Kant und Goethe auf eine Tafel schreibt, und die Philosophie mit einer Schriftrolle, auf der das delphische „Erkenne dich selbst“ steht.6 Die Reliefs am Postament zeigen, wie Schiller eine Leier von den Musen empfängt und den Dichtern der Vorzeit vorgeführt wird. Das mit einem Lorbeerkranz geschmückte Haupt stellt Schiller als selbstbewussten jungen Dichter dar.4

  1. 1759Friedrich Schiller wird in Marbach am Neckar geboren; er stirbt 1805 in Weimar.
  2. 1859Grundsteinlegung auf dem Gendarmenmarkt am 10. November, zum 100. Geburtstag.
  3. 1861Der Magistrat schreibt den Wettbewerb aus.
  4. 1864Reinhold Begas setzt sich gegen Rudolf Siemering durch; Beginn der Ausführung.
  5. 1869Das Denkmal ist vollendet und signiert; die Enthüllung folgt am 10. November 1871.
  6. 1935 – 1936Abbau im Zusammenhang mit der Neugestaltung des Gendarmenmarkts; dabei stürzt das Denkmal und wird schwer beschädigt.
  7. 1951Die Marmorfigur kommt in den Lietzenseepark in Charlottenburg (West-Berlin); die vier Allegorien lagern im Tierpark Friedrichsfelde (Ost-Berlin).
  8. 1986Das Kulturabkommen zwischen beiden deutschen Staaten vom 6. Mai schafft die Grundlage für die Zusammenführung.
  9. 1988Rückkehr im Rahmen eines Kulturgüteraustauschs; Wiederaufstellung vor dem Konzerthaus im Dezember, der Stufensockel wird erneuert.
  10. 2006Umfassende Restaurierung; der verlorene Dolch der Tragödie wird ergänzt.

Abbau 1935, Rückkehr nach über fünfzig Jahren

Das Denkmal hat den Platz, für den es gebaut wurde, ein halbes Jahrhundert lang verlassen müssen. 1935 wurde es im Zusammenhang mit der Neugestaltung des Gendarmenmarkts abgebaut. Die Schiller-Figur stand bis 1987 im Lietzenseepark, die Allegorien waren zwischengelagert.4 Die Teilung der Stadt teilte auch das Denkmal: Ab 1951 stand die Marmorfigur im Lietzenseepark in West-Berlin, während die vier Allegorien im Tierpark Friedrichsfelde in Ost-Berlin lagerten.67 Erst das Kulturabkommen zwischen Bundesrepublik und DDR vom Mai 1986 machte die Zusammenführung möglich; im Dezember 1988 stand das Denkmal wieder vor dem Konzerthaus, im Rahmen eines Kulturgüteraustauschs. Bei der Wiederaufstellung wurde der Stufensockel erneuert, die Brunnenfunktion der Schale kehrte nicht zurück.46 2006 folgte eine umfassende Restaurierung, bei der auch der verlorene Dolch der Tragödie ergänzt wurde.6

Friedrich SchillerDas Schiller-Denkmal am Gendarmenmarkt, umgeben von vier Musen-Figuren.Gendarmenmarkt, Berlin-Mitte · Dichter, 1759 – 1805Mit der Figur sprechen →

Die goldene Figur auf dem Französischen Dom

Viel seltener bemerkt als das Schiller-Denkmal ist die zweite Figur des Platzes: die vergoldete Gestalt auf der Kuppel des Französischen Doms, mit erhobenem Palmwedel. Berlin nennt sie seit Generationen Nike, nach der griechischen Siegesgöttin — der Palmzweig ist das antike Siegeszeichen. Kunsthistorisch ist sie etwas anderes: Das Landesdenkmalamt beschreibt die Kuppelfiguren der beiden Dome als Darstellungen der Tugend und der Religion, in Kupfer getrieben.1 Auf dem Französischen Dom steht die triumphierende Religion, flügellos, 5,60 Meter hoch, nach Entwürfen von Daniel Chodowiecki; gegenüber auf dem Deutschen Dom die Tugend.8 Die Figur gehört zu einem Turm, der selbst kein Kirchturm ist, sondern ein reiner Schmuckturm — „Dom“ kommt vom französischen dôme, Kuppel.5 Beide Lesarten gehören zur Figur: die amtliche, die sie als christliche Allegorie beschreibt, und die berlinische, die in ihr die Siegesgöttin sieht.

BerliNike (Nike)
Die vergoldete Kuppelfigur des Französischen Doms — amtlich die Allegorie der Religion, für Berlin „Nike“.

Der reiche plastische Schmuck der Türme zählt zu den bedeutendsten monumentalen Figurenprogrammen im deutschen protestantischen Kirchenbau des 18. Jahrhunderts. Die Giebelfelder des Französischen Doms zeigen Szenen aus dem Leben Christi: Jesus und die Samariterin, die Bergpredigt und den Gang nach Emmaus.1 Im Turm sitzt seit 1935 das Hugenottenmuseum; Höhepunkt seiner Ausstellung ist das Edikt von Potsdam, das den Hugenotten in Brandenburg-Preußen die freie Ausübung ihres Glaubens zusicherte. Im Turm hängt außerdem ein Carillon aus 60 Bronzeglocken — nach dem Carillon im Tiergarten das zweitgrößte der Stadt.5

Der Turm, den man heute sieht, ist zu einem großen Teil Wiederaufbau. Am 24. Mai 1944 brannte die Turmkuppel aus, nachdem wenige Tage zuvor schon das Kirchenschiff getroffen worden war; eine 1930 eingezogene Betondecke rettete die unteren Geschosse. 1981 bis 1987 wurden Turm und Kuppel wiederaufgebaut und am 9. August 1987 zur 750-Jahr-Feier Berlins eröffnet — zusammen mit dem Carillon. Der Turm misst 60,58 Meter, die Aussichtsbalustrade liegt bei rund 40 Metern.89

BerliNike (Nike)Die goldene Nike-Kuppelfigur auf dem Französischen Dom am Gendarmenmarkt.Französischer Dom, Gendarmenmarkt · Kuppelfigur seit 1818Mit der Figur sprechen →

Was man vor Ort sehen kann

Der Gendarmenmarkt ist rund um die Uhr zugänglich. Der beste Blick auf beide Figuren ergibt sich am frühen Vormittag oder am späten Nachmittag, wenn das Licht flach einfällt und das Gold der Kuppelfigur am stärksten leuchtet. Das Schiller-Denkmal lässt sich aus der Nähe betrachten: Erst beim Gang um die Schale zeigen sich die Attribute der vier Allegorien — die Harfe der Lyrik, die Tafel der Geschichte mit den drei Namen, die Maske zu Füßen der Tragödie.

Anreise und Weiterweg

Der Gendarmenmarkt liegt zentral in Berlin-Mitte, an der Französischen Straße. Die nächsten U-Bahnhöfe sind Stadtmitte (U2, U6) und Unter den Linden (U5, U6), beide wenige Gehminuten entfernt. Von hier aus lassen sich sowohl das Nikolaiviertel als auch das Brandenburger Tor bequem zu Fuß erreichen — beide Ziele werden auf den folgenden Seiten dieses Ratgebers vorgestellt.

Geschichte, die man hören kann

Beide Figuren dieses Platzes lassen sich inzwischen auch in einer eigenen Stimme erleben. Wer wissen will, wie Schiller auf sein eigenes Denkmal und die vier Allegorien zu seinen Füßen blickt, oder wie die Kuppelfigur ihre Position über dem Platz beschreibt, kann mit beiden online sprechen — eine Ergänzung zum Besuch vor Ort, kein Ersatz dafür.

Häufige Fragen

Wer hat das Schiller-Denkmal geschaffen und wann wurde es enthüllt?

Reinhold Begas, der sich 1864 im Wettbewerb gegen Rudolf Siemering durchsetzte. Der Grundstein wurde am 10. November 1859 gelegt, die Marmorfigur 1869 signiert und das Denkmal am 10. November 1871 enthüllt.46

Frag Schiller selbst →
Wofür stehen die vier Frauenfiguren am Schiller-Denkmal?

Für Lyrik, Tragödie, Geschichte und Philosophie. Die Lyrik spielt Harfe, die Tragödie trägt Dolch und Maske, die Geschichte schreibt Lessing, Kant und Goethe auf eine Tafel, die Philosophie hält eine Schriftrolle mit „Erkenne dich selbst“.6

Warum fehlte das Schiller-Denkmal über fünfzig Jahre auf dem Gendarmenmarkt?

1935/36 wurde es für die Neugestaltung des Platzes abgebaut und dabei schwer beschädigt. Ab 1951 stand die Figur im Lietzenseepark in West-Berlin, die Allegorien lagerten im Tierpark Friedrichsfelde in Ost-Berlin. Erst das Kulturabkommen von 1986 ermöglichte die Rückkehr im Dezember 1988.467

Ist die goldene Figur auf dem Französischen Dom eine Nike?

Berlin nennt sie so; amtlich ist sie die Allegorie der triumphierenden Religion nach Entwürfen von Daniel Chodowiecki, 5,60 Meter hoch und flügellos, gegenüber auf dem Deutschen Dom steht die Tugend.18 Der erhobene Palmzweig ist das antike Siegeszeichen, daher der Beiname.

Frag Nike selbst →
Wie hoch ist der Französische Dom und kann man hinauf?

Der Turm misst 60,58 Meter; die Aussichtsbalustrade liegt bei rund 40 Metern und ist über 284 Stufen erreichbar.58 Im Turm sitzt seit 1935 das Hugenottenmuseum. Die Kuppel brannte 1944 aus und wurde 1981 bis 1987 wiederaufgebaut.89

Quellen und Belege

  1. Landesdenkmalamt Berlin — Denkmaldatenbank, Französischer Dom (Obj.-Nr. 09065017)
  2. Landesdenkmalamt Berlin — Denkmaldatenbank, Schauspielhaus und Platzgeschichte (Obj.-Nr. 09065015)
  3. Landesdenkmalamt Berlin — Denkmaldatenbank, Schauspielhaus (Obj.-Nr. 09065015)
  4. Landesdenkmalamt Berlin — Denkmaldatenbank, Standbild Schiller-Denkmal (Obj.-Nr. 09060093)
  5. Französischer Dom und Hugenottenmuseum — Besucherinformation
  6. Wikipedia — Schiller-Denkmal (Berlin)
  7. Bildhauerei in Berlin — Schillerdenkmal (Maße, Material, Standorte)
  8. Bezirksamt Mitte, Gedenktafel-Datenbank — Französischer Turm, Zeittafel und technische Daten (PDF)
  9. Wikipedia — Französischer Dom

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